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Workshop 'Zitat und Bedeutung'
29. und 30. September, Fakultätssaal

Abstracts

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Franz d’Avis (Göteborgs Universitet): Zu Unzitierbarem in indirekten Zitaten

Abstract: Ich werde mich mit Vorkommensrestriktionen für Elemente in „indirekten Zitaten“ beschäftigen. Während man in „direkten Zitaten“ anscheinend so gut wie alles anführen kann, selbst Ungrammatisches oder auch Nichtsprachliches, so gibt es für indirekte Zitate Beschränkungen. Ausgehen werde ich von Daten wie den folgenden:

(1) a.Wenn du Durst hat, im Kühlschrank steht ein Bier. (Originaläußerung)
b. *?Heinz sagte, daß im Kühlschrank ein Bier steht/stünde, wenn ich Durst habe/hätte.
b’. *?Heinz sagte, wenn ich Durst habe/hätte, im Kühlschrank steht/stünde ein Bier.
b’’. *?Heinz sagte, im Kühlschrank steht/stünde ein Bier, wenn ich Durst habe/hätte

(2) a. Wenn ich dazu etwas sagen darf: Maria ist unzuverlässig. (Originaläußerung)
b. *Heinz sagte, daß Maria unzuverlässig ist/sei, wenn er etwas dazu sagen darf/dürfe .
b’. *Heinz sagte, wenn er etwas dazu sagen darf/dürfe: Maria ist/sei unzuverlässig.
b’’. *?Heinz sagte, Maria ist/sei unzuverlässig, wenn er etwas dazu sagen darf/dürfe.

(3) a. Wenn ich etwas fragen darf: Kommt Maria heute auch? (Originaläußerung)
b. *Heinz sagte, ob Maria auch kommt/käme, wenn er etwas fragen darf/dürfe.
b’. *Heinz fragte, ob Maria auch kommt/käme, wenn er etwas fragen darf/dürfe.
b’’. *Heinz sagte, ob Maria - wenn er etwas fragen darf/dürfe - auch kommt/käme.
b’’’. *Heinz fragte, ob Maria - wenn er etwas fragen darf/dürfe- auch kommt/käme.

Es ist offensichtlich schwierig, sogenannte Relevanzkonditionale wie in (1) oder illokutionsbezogen Modifikatoren wie in (2) und (3) in einem indirekten Zitat unterzubringen. Ich werde der Frage nachgehen, ob es generelle Eigenschaften von Äußerungen gibt, die ihr Auftauchen in indirekten Zitaten verhindern. Ein empirisches Problem, dem ich in diesem Zusammenhang nachgehen möchte, ist exemplifiziert durch die Daten in (4).

(4) a. Was auch immer für ein Wetter sein mag - ich gehe laufen.
b. (?)Heinz sagte, daß er -was auch immer für ein Wetter sein mochte- laufen ginge.
b’. (?)Heinz sagte, daß er laufen ginge -was auch immer für ein Wetter sein mochte.

Sind so genannte Irrelevanzkonditionale in indirekten Zitaten möglich oder nicht?


Elke Brendel (Universität Mainz): Zitat und Selbstbezug

Abstract: Im Zusammenhang mit sprachlicher Anführung lassen sich mindestens vier Formen des Selbstbezugs unterscheiden:
1. Der angeführte Ausdruck bezeichnet sich selbst (Bildhaftigkeit).
2. Ein Prädikatausdruck wird auf sich selbst angewendet.
3. Ein Satz ist Prädikation seiner selbst.
4. Ein universeller Satz ist Einsetzungsinstanz seiner selbst.
Im Vortrag sollen diese Formen des sprachlichen Selbstbezugs vor dem Hintergrund verschiedener Zitationstheorien diskutiert und sprachphilosophisch analysiert werden. Hierbei sollen insbesondere die Möglichkeiten und Grenzen sprachlichen Selbstbezugs als Mittel in philosophischen Selbstanwendungsargumenten untersucht werden.


Hans-Martin Gärtner (ZAS Berlin): Zur Rolle der Pragmatik bei der Analyse von Zitatbedeutungen

Abstract: In diesem Vortrag werde ich zwei echte oder vermeintliche Probleme für die Analyse von Zitatbedeutungen skizzieren und jeweils die Plausibilität eines Auswegs unter Hinzunahme der Pragmatik diskutieren. Fall 1 betrifft die Rolle relevanztheoretischer Explikaturen für das von Cappelen & Lepore (1997) angeführte „philtosopher-Problem.“ Fall 2 betrifft eine Grice’sche Perspektive auf das Problem der Unterdeterminiertheit von Zeigehandlungen für eine Davidson’sche Analyse iterierter Anführungen.


Claudia Graf (GK „Satzarten: Variation und Interpretation“ Frankfurt): Zitat und Echo

Abstract: Echo Fragen sind Formen der Metarepräsentation. Sie greifen eine Ausgangsäußerung auf, ganz gleich, ob diese nun wirklich geäußert wurde oder nur implikatiert wurde, und stellen zu dieser eine Frage. Aufgrund dieses metarepräsentativen Charakters werden Echo-Fragen oftmals als Zitatstrukturen analysiert. Gerade bei der Erklärung der syntaktischen Besonderheiten von Echo-Fragen bringt eine solche Analyse erhebliche Vorteile. Doch lassen sich Echo-Fragen wirklich auf quotative Strukturen reduzieren? Worin unterscheiden sie sich von Zitaten und anderen Formen der Metarepräsentation? Und inwieweit spielt der Echo-Begriff umgekehrt eine Rolle bei der Analyse von Zitaten? Ausgehend von einer Klärung der in der Forschung oft mehrdeutig gebrauchten begriffe von „Echo“ und „Zitat“, soll diskutiert werden, inwieweit Echo-Sprechakte auf Zitatstrukturen zurückgreifen und ob bestimmte Formen von Zitaten nicht ihrerseits als Echo-Sprechakte analysiert werden können.


Daniel Gutzmann (Universität Mainz): Implikaturen, Kontext-Shift und pragmatische Indikatoren: Zitate und die Semantik/Pragmatik-Schnittstelle

Abstract: Recanati (2001) unterscheidet zwischen Closed Quotation und Open Quotation. Closed Quotation betrachtet er als ein semantisches Phänomen, während er für die verschieden Formen von Open Quotation eine pragmatische Theorie entwickelt. Angesichts vermeintlicher Gegenbeispiele wendet er allerdings ein, dass sich eine pragmatische Theorie nur dann halten lässt, wenn man das klassische Bild von Semantik und Pragmatik aufgibt. Wie dennoch eine zumindest teilweise pragmatische Sicht auf Anführung möglich sein könnte, ohne jedoch gleich die klassische Ansicht über die Verortung von Semantik und Pragmatik über Bord werfen zu müssen, werde in anhand verschiedener Probleme diskutieren. Dabei komme ich unter anderem auf das Verhalten indexikalischer Ausdrücke in Mixed Quotation, einige Ambiguitäten des Zitierens und die Rolle der Anführungszeichen zu sprechen. Der Rekurs auf verwandte Phänomene wie konventionelle Implikaturen oder Ironie soll helfen, den Status der Anführung innerhalb einer solchen Theorie auszuloten.



Manfred Harth (Universität München): Die logische Form von Anführungssätzen

Abstract: Zwei grundlegend verschiedene Auffassungen sprachlicher Anführung stehen sich gegenüber: ein Integrations- und ein Desintegrationsansatz. Nach dem Integrationsansatz ist ein angeführter Ausdruck ein Satzbestandteil, auf den non-standardmäßig Bezug genommen wird. Gemäß meiner Version des Ansatzes, der Exemplifikationstheorie, basiert diese Form der Bezugnahme auf exemplifizierender Bezugnahme. Der andere Ansatz, bekannt als Demonstrativtheorie, bestreitet eine logische Integration des angeführten Ausdrucks. Nach dieser Theorie steht der angeführte Ausdruck außerhalb eines Anführungssatzes und ist lediglich ein Objekt demonstrativer Bezugnahme. Ich werde zuerst die beiden Ansätze vorstellen, dann Adäquatheitsbedingungen für Anführungstheorien formulieren und die Ansätze schließlich daran testen. Der Test wird zeigen, dass die Demonstrativtheorie ernste Mängel aufweist und dass die bislang gegen den Integrationsansatz vorgebrachten Einwände nicht stichhaltig sind. Die Exemplifikationstheorie erweist sich somit als die Theorie, die das natürlich-sprachliche Phänomen Anführung in ihrer Logik und Semantik angemessen erfasst.


Annika Herrmann und Markus Steinbach (GK „Satzarten: Variation und Interpretation“ Frankfurt/Universität Mainz): Wenn ‘ich’ nicht ich ist: Redewiedergabe in Gebärdensprache

Abstract: Gebärdensprachen verfügen über bestimmte modalitätsspezifische grammatische Mittel, die es ermöglichen, die Äußerungen oder Gedanken anderer Personen direkt wiederzugeben. Anders als eine Sprecherin in Lautsprachen kann eine Gebärdende in Gebärdensprachen mithilfe nichtmanueller Markierungen wie dem leichten Drehen des Oberkörpers, dem Auflösen des Augenkontakts mit dem Adressaten und der Veränderung der Kopfstellung die Rolle eines anderen Gebärdenden bei der Redewiedergabe einnehmen. Dieses grammatische Phänomen wird als Perspektivenwechsel oder role shift bezeichnet. Die nichtmanuellen Mittel werden gleichzeitig mit den manuellen Gebärden ausgeführt und haben normalerweise Skopus über den gesamten eingebetteten Satz. Dies hat zur Folge, dass indexikalische Ausdrücke und so genannte Kongruenzgebärden im Skopus der nichtmanuellen Markierung interpretiert werden. Ein Personalpronomen der ersten Person Singular referiert beispielsweise nicht auf die Gebärdende der Äußerung, sondern auf den Gebärdenden der wiedergegebenen Rede. In unserem Vortrag werden wir die grammatischen Eigenschaften des Perspektivenwechsels in Gebärdensprachen vorstellen und verschiedene syntaktische Analysen diskutieren.


Jörg Meibauer (Universität Mainz): Zitat und Lüge

Abstract: Zitieren ist ein assertiver Sprechakt, der intentional unaufrichtig vollzogen werden kann, so dass eine Lüge entsteht. Aufbauend auf einer Typologie des Zitats wird überprüft, welches Lügenpotenzial die unterschiedlichen Zitatarten bieten. Im Fokus werden das indirekte, gemischte und modalisierende Zitat stehen. Dabei wird nicht nur propositionale Missrepräsentation erfasst, sondern auch die Missrepräsentation von Einstellungsausdrücken sowie die Missrepräsentation von konversationellen Implikaturen. Abschließend werden Bedingungen für aufrichtiges Zitieren wie zum Beispiel Transparenz und Fairness diskutiert.


Jürgen Pafel (Universität Stuttgart): Eigennamen und Zitat

Abstract: Ausgangspunkt des Vortrags ist eine »quotationelle Analyse« von Eigennamen, derzufolge Eigennamen rigide definite Beschreibungen der Form »das salienteste x, das den Namen 'N' trägt« sind (Karnowski/Pafel 2005). Der Eigennamen 'der Rhein' etwa, bestehend aus dem definiten Artikel und dem Nomen Proprium 'Rhein', hat demzufolge die Semantik »das salienteste x, das den Namen 'Rhein' trägt«, wobei das Nomen Proprium als ein Prädikat mit der Bedeutung »den Namen 'Rhein' tragen« verstanden wird. Um Vor- oder Nachteile dieser Sichtweise gegenüber der gängigen direkt-referenziellen Analyse soll es in diesem Vortrag nicht gehen. Vielmehr soll die Ausarbeitung der Semantik der Nomen Propria in der quotationellen Analyse das Thema sein. Diese ist offensichtlich erst dann vollständig, wenn auch eine Analyse der (Form und) Bedeutung von Anführungszeichen vorliegt.
Karnowski, Pawel und Jürgen Pafel (2005). Wie anders sind Eigennamen? In: Zeitschrift für Sprachwissenschaft 24, 45-66.


Erik Stei (Universität Mainz): Verwendungsweisen von Zitaten und ihre theoretische Erfassung. Eine intuitiv-empirische Bestandsaufnahme

Abstract: Das Phänomen des sprachlichen Zitats tritt in einer Vielzahl von Typen und Funktionen auf, die in der wissenschaftlichen Literatur bisher meist nur isoliert untersucht wurden. Im Vortrag soll zunächst eine knappe, aber möglichst umfassende Darstellung der intuitiven Funktionen unterschiedlicher Zitattypen angeboten und die populärsten der bereits vorliegenden theoretischen Ausformulierungen skizziert werden. Daraufhin wird zu untersuchen sein, inwiefern die verschiedenen Ansätze zu vereinen sind, welche Modifikationen dies unter Umständen erfordert und welche Methodologie sich dafür anbietet. Schließlich sollte sich zeigen, ob alle dargestellten Funktionen des Zitats auch theoretisch erfasst werden und ob eine umfassende Theorie des Zitats vor diesem Hintergrund mehr sein kann als eine bloße „Familienähnlichkeit“.


Jakob Steinbrenner (München/Münster): Sinn und Bedeutung der direkten Rede bei Frege

Abstract: In der angelsächsischen Diskussion wird Frege aufgrund eines Übersetzungsfehlers ungerechtfertigt bestimmten anführungstheoretischen Positionen zugeordnet. Im Vortrag soll der „wahre“ Anführungsfrege vorgestellt werden.